Nachhaltige Energieträger: Ohne Kapital keine Dekarbonisierung
11. August 2026
Lesezeit: 7 Min
Die Technologie für eine klimaneutrale Wirtschaft ist vielerorts bereits vorhanden. Ob Wasserstoff, erneuerbare Energien oder Biogas – die technischen Grundlagen gelten weitgehend als bekannt. Dennoch kommt der Umbau der Energieversorgung langsamer voran als erhofft. Der Grund liegt häufig nicht in fehlenden Innovationen, sondern in einer Frage, die oftmals weit weniger Aufmerksamkeit erhält: Wer finanziert den Wandel?
Die Zeit drängt. Um die globalen Klimaziele zu erreichen und die Wirtschaft schrittweise auf Netto-Null-Emissionen auszurichten, sind weltweit enorme Investitionen erforderlich. Allein in Deutschland beziffert der Bundesverband der Deutschen Industrie den zusätzlichen Investitionsbedarf bis 2030 auf rund 100 Milliarden Euro pro Jahr. Als große, weltweit tätige Bank strebt die ING eine führende Rolle bei der Finanzierung der Technologien und Lösungen für eine kohlenstoffarme Welt an. Ein guter Zeitpunkt also, um einen Blick auf die dafür nötigen nachhaltigen Modelle zu werfen.
Sustainable Finance: Robuster Start trotz Gegenwind
Trotz eines herausfordernden wirtschaftlichen Umfelds ist der globale Markt für nachhaltige Finanzierungen robust ins Jahr 2026 gestartet. Opens in a new tabIm ersten Quartal belief sich das Emissionsvolumen entsprechender Anleihen auf 387 Milliarden US-Dollar, rund acht Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Dabei entwickelten sich nicht nur die einzelnen Instrumente sehr heterogen, auch bei den Emittenten zeigen sich deutliche Unterschiede: Während Unternehmensemissionen und der Kreditmarkt nachgaben, lieferten staatliche und staatsnahe Aussteller eine bemerkenswerte Gegenentwicklung. Staatsbezogene Emissionen verdoppelten sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nahezu auf 99 Milliarden US-Dollar. Das ist der stärkste Wert der vergangenen sechs Jahre. Auch Sovereign-Emissionen legten von 40 auf 55 Milliarden US-Dollar zu. Besonders stabil zeigte sich der Corporate-Bondmarkt. Besonders Green Bonds spielen dabei weiterhin eine zentrale Rolle – mit einem Volumen von 175 Milliarden US-Dollar. Gegenüber dem Vorjahr ist dies ein Plus von elf Prozent und ein Anteil von rund 45 Prozent am gesamten Sustainable-Finance-Markt. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet die ING ein Green-Bond-Volumen von 700 Milliarden US-Dollar bei einem Gesamtmarkt von rund 1.621 Milliarden US-Dollar. Auch das Volumen von Sustainability Bonds stieg leicht auf 94 Milliarden US-Dollar, während Social Bonds um 20 Prozent von 45 auf 54 Milliarden US-Dollar zulegten.
Dieses Bild deckt sich mit den Ergebnissen der aktuellen Opens in a new tabING-Studie Nachhaltigkeit und Green Finance 2026: Zwar ist in Deutschland das meistgenutzte Instrument mit 19 Prozent noch der ESG-linked Loan, aber Green Bonds sind auch hierzulande seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. Der Grund dafür liegt in der Präferenz der Unternehmen für Use-of-Proceeds-Instrumente, also Finanzierungslösungen, bei denen die aufgenommenen Mittel zweckgebunden in konkrete nachhaltige Projekte fließen, gegenüber Performance-gebundenen Instrumenten. Denn Finanzierungen mit nachhaltigen Kriterien bringen mittlerweile ein gewisses Renommee mit sich, das bei Investoren größeres Interesse hervorruft und sich in einer spürbar besseren Liquidität niederschlägt. Entsprechend planen 53 Prozent der befragten Finanzentscheider mit Blick auf die nächsten drei bis fünf Jahre den Einsatz von Green Bonds und 51 Prozent von Green Loans. Knapp jeder Dritte zieht sogar den EU-Green-Bond-Standard in Betracht, obwohl mit dem Rahmenwerk deutlich strengere Anforderungen an die Erlösverwendung einhergehen.
Insgesamt zeigt die Umfrage, dass Nachhaltigkeit trotz aller regulatorischen und politischen Widrigkeiten für Unternehmen weiterhin äußerst relevant ist. So gaben 77 Prozent der befragten Finanzentscheider an, sich bereits aktiv mit nachhaltigen Finanzierungsinstrumenten beschäftigt zu haben, ein neuer Höchstwert. Und fast drei Viertel halten ESG trotz geopolitischer Unsicherheiten und wirtschaftlichem Druck für einen integralen Bestandteil ihrer Geschäftsstrategie. Das zeigt sich auch in den Geschäftszahlen der ING: Im Jahr 2025 hatten Investitionen ihrer Kunden im Wert von 166 Milliarden Euro einen nachhaltigen Charakter, im Vergleich zu 130 Milliarden Euro im Vorjahr.
Wasserstoff: Technologie ist nicht das Problem
Doch auch wenn das Volumen von Sustainable Finance in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist, gibt es an vielen Stellen immer noch eine große Finanzierungslücke. Ein gutes Beispiel dafür ist Wasserstoff: Die Technologie ist weitgehend erprobt und Opens in a new tabgrüner Wasserstoff gilt als wichtiger Baustein für die Dekarbonisierung von Industriebereichen, die sich nur schwer direkt elektrifizieren lassen. Dazu gehört die Stahl- und Chemie-Industrie, die Herstellung von Ammoniak, sowie Teile des Schwerlast- und Schiffsverkehrs. Wasserstoff hat nicht nur das Potenzial, die Dekarbonisierung voranzutreiben, er kann dazu beitragen die Souveränität im Energiesektor zu stärken und so zu mehr Versorgungssicherheit beitragen. Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen und fragiler globaler Lieferketten sind das wichtige Faktoren.
Obwohl das Potenzial von Grünem Wasserstoff grundsätzlich anerkannt wird, kommt der Ausbau bislang nur schleppend voran. Zwar wurden zahlreiche Projekte angekündigt, doch nur ein vergleichsweise kleiner Teil hat bislang eine endgültige Investitionsentscheidung erreicht. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Planungssicherheit. Opens in a new tabViele Projekte verfügen noch nicht über langfristige Abnahmeverträge mit kreditwürdigen Kunden. Ohne verlässliche Nachfrage lassen sich zukünftige Einnahmen nur schwer kalkulieren. Für Banken und Investoren erhöht sich damit das Risiko, wodurch Finanzierungen schwieriger werden. Die Herausforderung besteht deshalb weniger darin, die Technologie weiterzuentwickeln, als vielmehr wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen zu schaffen: Im ersten Schritt müssen daher bankfähige Projekte geschaffen und eine glaubwürdige Nachfrage sichergestellt werden. Dazu sind Ankerkunden, klare Mechanismen zur Umsatzsicherung und Finanzierungsstrukturen, die die Risiken realistisch zwischen Projektträgern, Abnehmern, Regierungen und Kreditgebern aufteilen, wichtig. Schon bei der Finanzierung von erneuerbaren Energien wie Wind und Solar hat sich ein ähnliches Muster gezeigt: Auch dort hat die Entwicklung des Markts von langfristigen Verträgen, politischer Unterstützung und frühen Leuchtturmprojekten profitiert.
Biogas: Der unterschätzte Brückenbaustein
Während Wasserstoff erst noch skaliert werden muss, steht mit Biogas bereits heute eine Technologie als Übergangslösung zur Verfügung. Opens in a new tabNoch immer wird nur etwa ein Fünftel des Energieverbrauchs in Europa mit Strom aus nachhaltigen Quellen gedeckt. 80 Prozent basieren weiterhin auf fossilen Energieträgern wie Öl und Gas. Seit der Energiekrise 2022 hat Europa zwar seinen Gasverbrauch von rund 540 auf 430 Milliarden Kubikmeter jährlich und damit um rund 20 Prozent gesenkt. Doch 70 Prozent des Gasbedarfs werden immer noch importiert. Biogas könnte dabei einen Teil der Versorgungslücke schließen. Wenn nachhaltige Rohstoffe wie Gülle, Ernterückstände und organische Abfälle konsequenter genutzt würden, könnte rund ein Drittel des Gasverbrauchs mit Biogas abgedeckt werden. Länder wie Dänemark zeigen bereits, welches Potenzial in der Technologie steckt: Dort deckt Biogas bereits heute rund 40 Prozent des nationalen Gasbedarfs. Da dieses lokal und in einer Kreislaufwirtschaft produziert und genutzt werden kann, muss zudem keine neue globale Infrastruktur aufgebaut werden. Die ING begleitet diese Entwicklung aktiv: So finanziert die Bank unter anderem das norwegische Unternehmen Opens in a new tabVireo und macht so die Produktion von LNG aus landwirtschaftlichen Abfällen, Fischschlamm und Silage für den Schwerlast- und Schiffsverkehr möglich.
Ohne Kapital wird die Transformation nicht gelingen
Bis die Netto-Null-Ziele erreicht werden, ist es noch ein weiter Weg. Insbesondere bei nachhaltigen Energieträgern stellen die Skalierung und Finanzierung nach wie vor eine große Herausforderung dar. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigt, dass nachhaltige Finanzierungen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Erfolg neuer Energie-Technologien maßgeblich davon abhängen wird, ob es gelingt, Kapitalgebern ausreichend Planungssicherheit zu bieten. Denn am Ende entscheidet nicht allein die Technologie über den Erfolg der Transformation – sondern auch die Finanzierung.