Zarter Aufschwung und geopolitische Stürme
6. März 2026
Lesezeit: 4 Min
Im "Makromonitor" ordnet unsere ING-Volkswirtin Franziska Biehl einmal pro Quartal die aktuellen makroökonomischen Geschehnisse in Deutschland, Europa und der Welt ein.
Wirtschaftliche Erholung ist ein zartes Pflänzchen. Eines, das seit Jahresbeginn schon einiges aushalten musste. Zunächst stieg die geopolitische Unsicherheit als die USA erneut Ansprüche auf Grönland erhoben, was in neuem Zollchaos resultierte. Gleichzeitig wuchs die Sorge über die Nachhaltigkeit der KI-Rally an den Aktienmärkten, was den Euro stärkte und frischen Gegenwind für exportorientierte Volkswirtschaften brachte. Schließlich erklärte der Oberste Gerichtshof in den USA die Strafzölle, die Trump im vergangenen Jahr auf Grundlage des „International Emergency Economic Power Acts“ (IEEPA) erlassen hatte für unrechtmäßig, woraufhin der Präsident Zölle auf anderer Grundlage ankündigte.
Ende Februar rückte all das schnell in den Hintergrund, als im Nah-Ost-Konflikt die nächste Eskalationsstufe erreicht wurde. Bereits während indirekte Gespräche über das iranische Atomprogramm liefen, drohte Präsident Trump mehrfach damit, militärische Maßnahmen gegen Iran zu ergreifen, sollte es zu keiner Einigung kommen. Und obwohl nach der dritten Gesprächsrunde ein vorsichtig optimistisches Fazit gezogen wurde, kam es zum gemeinsamen Angriff von Israel und den USA auf Iran.
Neben den unermesslichen humanitären Folgen hat dieser Angriff auch wirtschaftliche Auswirkungen. Und die treffen Deutschland zur Unzeit. Nach zwei Rezessionsjahren ist die deutsche Wirtschaft im Jahr 2025 endlich wieder wachsen – mit 0,2 Prozent zwar weit vom Wirtschaftswunder entfernt, aber doch ein Schritt raus aus der Wachstumskrise in eine, immerhin, zyklische Erholung. Und die fußt maßgeblich auf den besseren Aussichten in der Industrie, getrieben von mehr Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung. Vollere Auftragsbücher und sinkende Lagerbestände, sowie bessere Stimmung in den deutschen Chefetagen – alles sprach zuletzt dafür, dass die Auswirkungen des deutschen Fiskalpakets in 2026 endlich sichtbar werden würden, bevor sie im kommenden Jahr ihre volle Wirkung entfalten sollten.
Mit dem Krieg im Nahen Osten stiegen die Energiepreise stark an, schaurig schön illustriert an den Tankstellentafeln. Mit den noch sehr intakten Erinnerungen an die Auswirkungen des Energiepreisschocks in Folge des Angriffskriegs auf die Ukraine kehrten sowohl Inflationssorgen als auch Zinserhöhungserwartungen schnell zurück.
Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland abschreiben sollten wir dennoch nicht. Zwar sind höhere Energiepreise an der Tankstelle schnell sicht- und spürbar, in der Industrie kommen sie so schnell nicht an. Aktuell besteht Hoffnung, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts sowohl zeitlich als auch im Umfang limitiert sein werden. Das würde auch bedeuten, dass die EZB in diesem Jahr die Zinsen nicht erhöhen müsste – oder sich mit Stagflation konfrontiert sehen wird.
Das erste Quartal dürfte etwas schwächer ausfallen als von Frühindikatoren impliziert, doch im weiteren Jahresverlauf könnte sich das zarte Pflänzchen der Erholung behaupten. Geopolitische Spannungen, Handelsunsicherheit und außenpolitisches Kräftemessen bleiben aber dauerhafte Risikofaktoren. Um diesen mit möglichst großer Resilienz begegnen zu können, braucht es mehr als den zyklischen Aufschwung – denn der bleibt verwundbar. Um den geopolitischen Stürmen trotzen zu können sind strukturelle Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit unerlässlich.