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Wirtschaftswunder für Wachstumshungrige

8. September 2026

Lesezeit: 5 Min

Wer in den vergangenen Jahren das Wort „Wirtschaftswunder“ gehört hat, hat dabei vermutlich eher weniger an die deutsche Wirtschaft gedacht. Möglicherweise hat sich das in den letzten drei Monaten aber geändert – jedenfalls sind seit Mitte August die Suchanfragen für dieses Wort in Deutschland bemerkenswert gestiegen.

Dass dies mit der überraschend starken Performance des zweiten Quartals zusammenfällt, ist vermutlich kein Zufall. Die deutsche Wirtschaft ist zwischen April und Juni um 0,3 Prozent gewachsen. Und hat sich damit von einer unerwartet, und ehrlicherweise auch ungewohnt, widerstandsfähigen Seite gezeigt.

Doch so erfreulich das auch ist – hinter der positiven Überraschung verbirgt sich noch nicht das neue Wirtschaftswunder. Vielmehr waren es verschiedene Sondereffekte, die der Industrie, dem Außenhandel und in gewisser Weise auch dem privaten Konsum Rückenwind verliehen haben. Bei den Exporten profitierten deutsche Unternehmen davon, dass einige asiatische Volkswirtschaften von der Schließung der Straße von Hormus stärker getroffen wurden als Deutschland. Das bescherte der Industrie eine Art Sonderkonjunktur. Zudem scheinen die 500 Mrd. Euro für Infrastrukturinvestitionen mittlerweile ihren Weg in die Realwirtschaft zu finden. Auch in den vor uns liegenden Monaten dürfte das „Whatever it takes“ der Bundesregierung die Wirtschaft stützen. Beim privaten Konsum wurden die negativen Auswirkungen hoher Energiepreise zumindest teilweise durch den im Mai und Juni aktivierten Tankrabatt abgefedert.

Da der Krieg im Nahen Osten nach der zwischenzeitlichen Verschnaufpause zuletzt wieder eskaliert ist und sich zusehends zu einem längerfristigen Szenario zu entwickeln scheint, dürfte der finanzielle Druck für deutsche Haushalte zunächst bestehen bleiben. Und auch in der Industrie ist nicht alles eitel Sonnenschein. Zu viel Sonne und zu wenig Regen belasten Produktion und Lieferketten. Und da nach der Hitze bekanntlich vor der Heizsaison ist, könnten unterdurchschnittlich gefüllte Gasspeicher zu einer zusätzlichen Preisbelastung für Haushalte und Unternehmen werden. Dennoch hat sich die Stimmung in Industrie, Dienstleistungen und bei den Verbrauchern weiter verbessert. Trotz der Risiken zeigt sich die Wirtschaft auch im dritten Quartal bislang resilient.

Mit den anhaltenden wirtschaftlichen Risiken geht allerdings auch das Potenzial für länger anhaltenden Inflationsdruck einher. Trotz der jüngsten Turbulenzen an den Anleihemärkten infolge wachsender Sorgen über die Tragfähigkeit öffentlicher Schulden scheinen die Finanzmärkte davon auszugehen, dass die Europäische Zentralbank mit weiteren Zinserhöhungen reagieren wird. Allerdings werden weder Inflation noch Wachstum derzeit von einer übermäßig starken heimischen Nachfrage getrieben. Zweitrundeneffekte bleiben daher unwahrscheinlich. Bei einem Einlagenzins von 2,5 Prozent dürfte also Schluss sein. Da liegt er noch in dem Bereich, den die EZB als neutral ansieht – alles darüber hinaus würde die Wirtschaft abwürgen.

Und ob die EZB wirklich bereit wäre, einen Angebotsschock zum Preis einer schrumpfenden Wirtschaft zu bekämpfen ist fraglich. Vor allem, wenn das neue Wirtschaftswunder für den Moment wirklich noch ein Wunder für all diejenigen bleibt, die sich seit Jahren nach etwas mehr Wachstum verzehren. Die gute Nachricht lautet allerdings: selbst wenn es in der zweiten Jahreshälfte wieder schlechter laufen sollte: im Jahr 2026 dürfte das stärkste jährliche Wachstum seit 2022 erreicht werden.