Deutschland. Definitiv kein Sommermärchen.
9. Juni 2026
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Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland als Gewinner der Fußball-Weltmeisterschaft hervorgeht, steht an den Wettmärkten aktuell bei 5 Prozent. Für all diejenigen, die mit dem sportlichen Event genauso wenig anfangen können wie die Autorin selbst, gibt es erfreulichere Nachrichten – die Chancen darauf, dass die deutsche Wirtschaft im 2. Quartal 2026 wachsen wird, werden als deutlich höher eingeschätzt. Also – Pech im Spiel, Glück in der wirtschaftlichen Performance? Im "Makromonitor" ordnet unsere ING-Volkswirtin Franziska Biehl einmal pro Quartal die aktuellen makroökonomischen Geschehnisse in Deutschland, Europa und der Welt ein.
Ganz so leicht dürfte es leider nicht werden. Zwar hat sich die deutsche Wirtschaft im 1. Quartal des Jahres überraschend stark gehalten und wuchs im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent, doch sollte diese robuste Performance nicht als Indikator für die Entwicklung des aktuellen Quartals gesehen werden. Erstens wurde das Schlussquartal 2025 leicht nach unten revidiert. Und von niedrigeren Niveaus aus zu wachsen ist leichter. Zweitens war die Performance in den ersten drei Monaten des Jahres getrieben von Exporten und staatlichem Konsum. Der private Konsum stagnierte, während die Investitionen im Vergleich zum Vorquartal schwächer ausfielen.
Mit Blick auf das aktuelle Umfeld gibt es weder erfreuliche Nachrichten für die Rücken- noch für die Gegenwinde des ersten Quartals. Die Export-Auftragsbücher liegen auf niedrigen Niveaus und neue und alte Lieferkettenstörungen belasten zusehends den globalen Handel. Dass die Exporte im zweiten Quartal erneut zum MVP im Wachstumsspiel gekürt werden, erscheint also unwahrscheinlich.
Auf eine Rückkehr des privaten Konsums und der Investitionen zu bauen, scheint ebenfalls keine gewinnversprechende Taktik zu sein. Beide Spieler sind derzeit angeschlagen – ein hohes Niveau an Unsicherheit sowie gestiegene Energiepreise fordern ihren Tribut. Die privaten Haushalte werden vom aktuellen Energiepreisschock besonders getroffen. Zum einen muss an der Tankstelle tiefer ins Portemonnaie gegriffen werden, zum anderen zeigt die Energiepreisinflation bereits erste Auswirkungen auf andere Produkte. Zweistellige Inflationsraten wie im Jahr 2022 sind zwar unwahrscheinlich, doch selbst wenn der Krieg im Nahen Osten ein rasches Ende finden würde, dürfte die Inflation im Laufe des Sommers auf um die 4 Prozent steigen. Für die Kauflaune verspricht das nichts Gutes und in Anbetracht der großen Unsicherheit scheinen auch Unternehmen wieder etwas an Investitionsfreude eingebüßt zu haben, wie die Ergebnisse des jüngsten Bank Lending Survey der EZB zeigen.
Apropos EZB – pünktlich zum ersten WM-Spiel dürfte die Zentralbank die erste Zinserhöhung seit September 2023 liefern. Nicht etwa, weil eine Zinserhöhung eine von Energiepreisen getriebene Inflation wirklich eindämmen könnte. Sondern vielmehr, um die Inflationserwartungen einzufangen und Zweitrundeneffekten vorzubeugen.
Der Blick über den Sommer hinaus könnte, zumindest wirtschaftlich betrachtet, wieder mehr Optimismus mit sich bringen. Denn die großen Hoffnungsträger Infrastrukturinvestitionen und Verteidigungsausgaben sind trotz des kurzfristigen Rückschlags aufgrund der geopolitischen Lage nicht verschwunden. Man könnte sagen, sie wärmen sich noch auf, um das Spiel zu einem späteren Zeitpunkt zu drehen.
Und wenn die strukturellen Herausforderungen der Zukunft in Anbetracht der kurzfristigen Rückschläge nicht außer Acht gelassen werden, könnte für die deutsche Wirtschaft im Laufe der zweiten Jahreshälfte durchaus ein Comeback drin sein. Wenn auch kein Selbstläufer.