DerTreasurer: Covestro setzt auf Echtzeit
Lesezeit: 6Min
14. Oktober 2026
Der Chemiekonzern hat seinen gesamten operativen Zahlungsverkehr auf Sepa Instant Payments umgestellt und dabei nicht nur einen beachtlichen Working-Capital-Effekt erzielt, sondern auch einen kulturellen Wandel im Treasury angestoßen.
Dieser Artikel über die Implementierung von Instant Payments bei Covestro mit der ING ist in der Ausgabe 03/2026 von DerTreasurer erschienen.
Covestro hat ein Ziel und will das Treasury immer weiter in Richtung Echtzeit entwickeln. "Instant Payments werden irgendwann das New Normal sein", sagt Dirk Feisel, Lead Cash Management des Leverkusener Chemiekonzerns. "Die Frage ist nur, wie viel Zeit bis dahin noch ins Land gehen wird."
Covestro hat sich entschieden, nicht zu warten: Seit dem 1. April dieses Jahres wickelt der Konzern seinen gesamten operativen Zahlungsverkehr in Euro über Sepa Instant Payments ab. Alle Konzerngesellschaften sind eingebunden, sämtliche Zahlungen an Geschäftspartner im Euro-Raum laufen über dieses Instrument - abgewickelt über die unternehmenseigene Payment Factory. Gehalts-und Treasury-Zahlungen sind noch nicht Teil dieses Set-ups, stehen aber perspektivisch auf der Agenda.
Der Anstoß für das Projekt kam aus der Regulatorik, erzählt Feisel im Interview mit DerTreasurer. Die Initiative bei Covestro sei eine bewusste strategische Entscheidung gewesen. Mit dem Wegfall der Betragsgrenzen im Oktober vergangenen Jahres - einer der zentralen Neuerungen durch die EU-Verordnung zu Sofortzahlungen - wurde der Weg frei für eine vollständige Umstellung des operativen Zahlungsverkehrs. Covestro nutzte die Änderung, um Vorteile im Working Capital zu erreichen. "Wir sind frühzeitig aktiv auf die ING zugegangen", berichtet Feisel. "Die ersten Gespräche fanden bereits im Frühjahr des vergangenen Jahres statt." Die Wahl fiel laut Feisel direkt auf die ING, weil sie seit mehreren Jahren die mandatierte Bank für diesen Zahlungsbereich im westeuropäischen Sepa-Raum ist. "Konsequenterweise haben wir die ING angesprochen. Mit anderen Partnern hierfür eine Lösung zu finden, wäre mit höherem Aufwand verbunden gewesen."
"Auf Bankseite war die Umstellung für Covestro von Anfang an als Projektstruktur aufgesetzt", erinnert sich Anja Stemler, Lead Transaction Services Account Management bei der ING Deutschland. "Und es entfaltete schnell seine eigene Dynamik - vom Dokumentenaustausch zu den Formatbeschreibungen über die technische Abstimmung der automatisierten Weiterverarbeitung bei Covestro bis hin zum strukturierten Testing." Was sie besonders hervorhebt: "Die Umstellung verlief insgesamt sehr gut und Covestro ist heute wohl eines der Unternehmen, das das Instrument am breitesten nutzt."
Pionierarbeit für Corporates
Der Zahlungsprozess selbst bleibt für die Beteiligten weitgehend unsichtbar in seiner Schnelligkeit. Ein Zahlungsauftrag wird im SAP-System zentral generiert und ausgelöst, über Swift an die ING geroutet, die in Echtzeit die Empfängerdaten prüft und eine Compliance-Kontrolle durchführt. Covestro hat sich zunächst bewusst für die Opt-out-Variante entschieden, bei der die Verification-of-Payee-Prüfung nicht stattfindet. Die Gutschrift beim Empfänger erfolgt innerhalb von Sekunden.
Dabei war der Weg kein völlig reibungsloser. Während Sepa Instant Payments im Privatkundenbereich schon länger etabliert sind, stand die Infrastruktur auf der Unternehmensseite noch nicht vollständig bereit. "Der regulatorische Fokus lag lange auf Privatkunden, Corporates standen nicht im Vordergrund", sagt Feisel. "Das bedeutete, dass auf beiden Seiten, sowohl bei Covestro als auch bei der ING, Entwicklungsaufwand betrieben werden musste."
Der Prozess verlief iterativ: Nach ersten Tests im November 2025 über mehrere Betragsgrößen hinweg wurden Schritt für Schritt die technischen Anpassungen aufeinander abgestimmt, bis im April 2026 der vollständige Roll-out erfolgen konnte. "Es gab durchaus Lernkurven", räumt Feisel ein. Er nennt ein konkretes Beispiel: "Zahlungen nach Großbritannien ließen sich teilweise nicht über Sepa Instant abwickeln, da UK nach dem Brexit lediglich als ‚Drittland' innerhalb von Sepa gilt und Banken dort nicht zur Teilnahme verpflichtet sind. Manche unterstützen Sepa Instant Credit Transfer freiwillig, viele - vor allem kleinere - jedoch nicht. Die Folge waren Rückläufer." Die Lösung sei pragmatisch gewesen, UK-Zahlungen würden seither herausgefiltert und klassisch abgewickelt.
Positiver Working-Capital-Effekt
Der Nutzen hinter der Umstellung des Zahlungsverkehrs auf Echtzeit liegt für Covestro auf der Hand: Da Sepa Instant Payments innerhalb von Sekunden beim Empfänger ankommen, muss Covestro Zahlungen nicht mehr verfrüht auslösen, was insbesondere an Wochenenden und Feiertagen signifikante Vorteile bringt. "Wir zahlen später, aber pünktlich - ohne Zahlungsverzug und ohne Nachteile für unsere Geschäftspartner", fasst Feisel zusammen.
Der entscheidende Punkt: Die Geschäftspartner erhalten ihr Geld zum vereinbarten Zeitpunkt, nur eben nicht mehr unnötig früh, und die Belastung auf den Konten von Covestro erfolgt später. Dadurch ergeben sich Vorteile im Trade Working Capital.
Laut Thomas Böttger, Global Head of Finance and Insurance bei Covestro, ist der Nutzen monetär messbar: "Mit der von uns umgesetzten Maßnahme waren wir in der Lage, einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag im Trade Working Capital einzusparen. Was mich neben dem finanziellen Aspekt besonders freut, ist die sehr gute cross-funktionale Zusammenarbeit." Das Projekt wurde von der Abteilung Cash Management geleitet und gemeinsam mit dem Shared Services Center, der IT und dem Master Data Team umgesetzt, "die alle sehr agil und lösungsorientiert zusammengearbeitet haben".
Real-time Treasury: neue Denkweise
Sepa Instant Payments sind für Feisel mehr als ein Effizienzgewinn im Zahlungsverkehr - sie sind der Einstieg in ein neues Paradigma. "Real-time Treasury trifft es ganz gut", sagt er. "Liquidität kann nicht mehr in Form von Tages-Batches gedacht werden. Echtzeit verändert das Monitoring, sie verändert die Dispositionsprozesse."
Covestro arbeitet derzeit daran, ausgesuchte Konten zinsoptimiert und vollautomatisiert zu verwalten. Aktuell laufen noch klassische Intraday-Kontoauszüge (Camt.052) in festgelegten Rhythmen ein. "Da unser TMS Kontenüberträge (Euro) aktuell noch per Swift MT101 und nicht per Sepa Instant Payment initiiert, sind wir durch die Cut-off-Zeiten zeitlich limitiert. Hier verlieren wir ein wenig Potenzial, da die Verbuchung von Zahlungseingängen auch über die Cut-off-Zeiten hinaus erfolgt", erklärt Feisel. "Wir prüfen derzeit, ob API-Lösungen unserer Bankpartner uns helfen können, diese Grenzen zu überwinden, um Echtzeit-Daten zu nutzen und um das Zinsergebnis weiter verbessern zu können." Ein mögliches Zielbild: vollautomatisierte Sepa-Instant-Überweisungen in Richtung von Konten mit besseren Zinskonditionen, gesteuert durch Echtzeit-Kontosalden über API-Schnittstellen.
Bankerin Stemler sieht darin das eigentliche Zukunftspotenzial: "Wenn ein Unternehmen APIs vollends eingeführt hat und ERP und TMS Echtzeit-Daten aus den Bankensystemen permanent und automatisiert verarbeiten können, wäre neben dem Thema der neu definierten Liquiditätsplanung auch Reconciliation in Echtzeit nutzbar - das ist deutlich effizienter als alles, was wir heute kennen." Feisel ergänzt eine weitere Dimension: "Wenn ein Kunde sein Kreditlimit ausgeschöpft hat, könnte über eine Echtzeit-Zahlungsbestätigung via API eine Lieferfreigabe erfolgen, die man sonst aufgrund des Kreditlimits nicht geben dürfte - das schafft echten Mehrwert."
Blick nach vorn
Die Frage, ob das Modell perspektivisch auf andere Regionen ausgerollt werden soll, bejaht Feisel, verweist aber auf limitierte Ressourcen. "Wir schauen uns vergleichbare Instrumente in anderen Regionen an, wo es bereits Real-time-Payment-Infrastrukturen gibt." Für weitere Roll-outs gebe es bereits Kandidaten. Über die Priorisierung und zeitliche Umsetzung werde im weiteren Projektverlauf entschieden.
Stemler ergänzt, dass auch international Instant Payments zunehmend zum Standard werden: "Ab 2027 kommen planmäßig Nicht-Euro-Länder wie Polen, Tschechien oder Rumänien in das Sepa Instant Scheme dazu. Darüber hinaus gibt es Initiativen, um den Zahlungsverkehr in Echtzeit auch über die Sepa-Region hinaus noch stärker zu verbreiten und zu vernetzen, beispielsweise One-Leg Out (OLO) Instant Credit Transfer (OCT Inst)."
Dirk Feisel weiß, dass Covestro damit eine Ausnahme darstellt - zumindest bislang noch. "Wir sind bei der ING die Ersten, die Sepa Instant Payments für den operativen Zahlungsverkehr vollumfänglich nutzen - nach unserer Recherche auch im Markt insgesamt." Diese Pionierrolle bringe Aufwand, aber auch Gestaltungsspielraum. Sein Ausblick klingt wie ein Appell an die Branche: "Wenn die Infrastruktur-Hürde erst einmal nicht mehr existiert, gibt es keinen Grund mehr, warum eine Zahlung im Sepa-Raum nicht in Echtzeit ausgeführt werden sollte. Und APIs werden dabei sicher noch eine deutlich größere Rolle spielen."
Autorin: Sarah Backhaus
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. Business Media GmbH, Frankfurt am Main