Agilität ist keine Technologiefrage
8. April 2026
Lesezeit: 4 Min
Das Treasury der Zukunft ist schneller und hochtechnologisiert. Doch der Weg dahin ist weniger eine technologische als eine strukturelle Aufgabe.
Wenn über die Zukunft der Arbeit von CFOs und Treasurern gesprochen wird, dominieren Begriffe wie künstliche Intelligenz (KI), Echtzeitdaten, Volatilität oder ESG. Die meisten Finanzverantwortlichen verstehen diese externen Kräfte sehr genau. Entscheidend ist jedoch, ob die Organisation strukturell in der Lage ist, darauf agil zu reagieren.
KI und Echtzeitdaten eröffnen neue Möglichkeiten. Forecasts lassen sich laufend aktualisieren, Liquiditätspositionen intraday überwachen und Szenarien in Sekunden simulieren. Die bloße Verfügbarkeit dieser Werkzeuge führt jedoch nicht automatisch zu besserer Steuerung. Zwischen technologischem Potential und organisatorischer Realität besteht häufig eine Lücke.
Ein zentrales Hindernis ist die interne Datenlatenz. Cash- und Risiko-relevante Informationen verteilen sich über Einkauf, Produktion, Logistik, Vertrieb, mehrere ERP-Instanzen und Excel-basierte Nebenwelten. Formal sind die Daten vorhanden, praktisch jedoch oft nicht synchronisiert. Entscheidend ist neben der Datenqualität vor allem die Zeitspanne zwischen einem operativen Ereignis und seiner finanziellen Sichtbarkeit. In vielen Organisationen beträgt sie Tage oder Wochen – nicht Minuten. KI kann Daten besser verknüpfen, ersetzt jedoch weder klare Datenverantwortung noch eine konsistente Systemarchitektur.
Doch selbst bei schnellerer Datenverfügbarkeit bleibt eine zweite Frage zentral: Wie schnell kann die Organisation entscheiden? Etablierte Governance-Rhythmen wie Monatsberichte, Forecast-Runden und Gremiensitzungen schaffen Stabilität, führen in volatilen Phasen jedoch zu Verzögerungen. Echtzeitinformationen entfalten nur dann Wirkung, wenn Entscheidungsprozesse mithalten. Agilität ist damit weniger eine technologische als eine strukturelle Frage der Entscheidungsarchitektur: Wer entscheidet über die Risikotragfähigkeit? Welche Eskalationsschwellen bestehen? Welche Maßnahmen dürfen innerhalb klarer Bandbreiten umgesetzt werden?
Vorab genehmigte Hedging-Strategien, freigegebene Finanzierungsinstrumente und Budgetkorridore schaffen deutlich mehr Flexibilität als eine Vielzahl von Einzelentscheidungen. Der Fokus verschiebt sich von der Genehmigung des Einzelfalls hin zur Steuerung von Abweichungen.
Hinzu kommt das Spannungsfeld zwischen Effizienz und Optionalität. In stabilen Zeiten dominieren Kapitalkosten und Renditekennzahlen. In einem Umfeld erhöhter Unsicherheit gewinnt jedoch finanzielle Flexibilität an Wert. Zusätzliche Liquiditätsreserven oder diversifizierte Refinanzierungsquellen erhöhen die Handlungsfähigkeit, wirken kurzfristig jedoch weniger effizient. Treasury muss diese Optionalität nicht nur bereitstellen, sondern bewusst bewerten und begründen.
Mit zunehmender Automatisierung stellt sich zudem die Frage nach der Verantwortung. Automatisierte Cash-Disposition oder algorithmisch unterstützte Hedge-Trigger erfordern klare Governance-Rahmen, definierte Entscheidungsgrenzen und transparente Modelllogiken. Ohne diese bleibt Beschleunigung wirkungslos oder wird riskant.
Die eigentliche Transformation ist daher in erster Linie eine interne Aufgabe. Wer Datenlatenz reduziert, Entscheidungsprozesse beschleunigt und die Balance zwischen Effizienz und Optionalität bewusst gestaltet, wird technologische Fortschritte tatsächlich nutzen können. Das Treasury der Zukunft ist damit weniger eine technologische als eine strukturelle Aufgabe – und ein zentraler Faktor für Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit.
Dieser Text erschien im Original als Gastbeitrag im Magazin Opens in a new tabDerTreasurer.
Autorinnen
Sigrid Seibold, Head of Transaction Services ING Deutschland.
Birgit Potrafki, CFO der Salzgitter AG.